Erste Hilfe bei Ertrinken: ABCDE-Schema, Beatmung und Reanimation richtig durchführen
Erste-Hilfe-Maßnahmen nach der Rettung aus dem Wasser

Das fünfte und letzte Glied der Drowning Chain of Survival umfasst die medizinische Versorgung nach der Rettung aus dem Wasser. Obwohl dieser Abschnitt den Abschluss der Rettungskette bildet, entscheidet er maßgeblich über das langfristige neurologische Outcome sowie die Überlebenswahrscheinlichkeit des Ertrinkungsopfers.
Die medizinische Versorgung beginnt bereits unmittelbar nach der Stabilisierung der verunglückten Person im Wasser. Noch bevor eine strukturierte Untersuchung erfolgt, muss sichergestellt werden, dass keine weitere Gefährdung für Retter:in oder Patient:in besteht. Danach folgt die Beurteilung nach dem international etablierten ABCDE-Schema:

- Airway (Atemweg): Mund und Rachenraum von Wasser befreien
- Breathing (Beatmung): Möglichst früh hochdosierten Sauerstoff geben; Atmung und Atemfrequenz überprüfen und bei Stillstand/Schnappatmung sofort beatmen
- Circulation (Kreislauf): Puls und Herzrhythmus prüfen; bei Herz-Kreislauf-Stillstand sofort mit 5 initialen Beatmungen beginnen – erst danach im normalen Verhältnis von 30 Kompressionen zu 2 Beatmungen fortführen
- Disability (neurologisches Defizit): Bewusstsein, Pupillen und Blutzucker überprüfen, da auch andere Ursachen wie Schlaganfall oder Unterzuckerung einen Ertrinkungsunfall auslösen können; auf Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen prüfen
- Exposure/Environment: Nasse Kleidung entfernen und Körperkerntemperatur prüfen – Wasser leitet Wärme 25-mal schneller ab als Luft, eine Unterkühlung begleitet Ertrinkungsunfälle deshalb fast immer
Bei alldem gilt: Schon wenige Minuten schwerer Hypoxie (Sauerstoffmangel) können bleibende neuronale Schäden verursachen. Im Vordergrund steht deshalb nicht die Suche nach Begleitverletzungen, sondern die schnellstmögliche Wiederherstellung einer ausreichenden Sauerstoffversorgung.
Was passiert bei Sauerstoffmangel im Körper?
Die Pathophysiologie erklärt, warum Sauerstoff so schnell wieder im Körper sein muss: Denn beim Ertrinken sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut immer weiter, weil die Atmung nicht richtig funktioniert. Gleichzeitig staut sich Kohlendioxid an, das der Körper normalerweise beim Ausatmen los wird. Diese Kombination – zu wenig Sauerstoff, zu viel Kohlendioxid – lässt das Blut zunehmend übersäuern. Hält der Sauerstoffmangel an, verstärkt sich das noch zusätzlich, weil der Körper beginnt, Energie ohne Sauerstoff zu gewinnen – ein Nebenprodukt davon ist Milchsäure, die das Blut weiter übersäuert.
Am empfindlichsten reagiert das Gehirn. Anders als etwa Muskeln hat es kaum eigene Energiereserven und ist auf einen ständigen Nachschub an Sauerstoff angewiesen. Schon nach wenigen Minuten schwerem Sauerstoffmangel geraten die Gehirnzellen in eine Art Energiekrise – im schlimmsten Fall schwillt das Gehirn dadurch an (ein sogenanntes Hirnödem).
Genau deshalb ist die Dauer des Sauerstoffmangels der wichtigste Einzelfaktor dafür, wie gut sich jemand nach einem Ertrinkungsunfall erholt.

Lungenödem und Lungenversagen: Was Wasser in der Lunge anrichten kann
Entgegen früherer Annahmen spielt weniger die Menge des eingeatmeten Wassers eine Rolle als der Schaden, den sie an der Lunge anrichtet. In der Lunge sitzen winzige Lungenbläschen, die Alveolen. Sie sind mit einer dünnen Schicht namens Surfactant ausgekleidet, die dafür sorgt, dass sich die Alveolen nicht wie nasse Luftballons zusammenziehen. Schon kleine Wassermengen können diese Schicht jedoch verdünnen oder inaktivieren. Fällt das Surfactant aus, fallen die Alveolen in sich zusammen – dadurch steht weniger Fläche zur Verfügung, um Sauerstoff aufzunehmen. Gleichzeitig wird die Gefäßwand der Lunge durchlässiger, sodass zusätzlich Flüssigkeit aus dem Blut in die Alveolen sickert. Es entsteht eine Art Lungenödem, das einem akuten Lungenversagen (ARDS) ähneln kann – die Lunge kann den Körper nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgen. Wie schwer diese Lungenschädigung ausfällt, hängt viel stärker von der Dauer der Hypoxie ab als davon, ob Süß- oder Salzwasser eingeatmet wurde – die frühere Unterscheidung zwischen Süß- und Salzwasserertrinken hat deshalb heute keine therapeutische Bedeutung mehr.
Reanimation bei Ertrinken: Warum Beatmung vor der Herzdruckmassage kommt
Airway & Breathing
Wie das ABCDE-Schema bereits andeutet, wird nach der Rettung zuerst geprüft, ob eine ausreichende Spontanatmung vorliegt. Bei Bewusstsein und normaler Atmung sollte möglichst früh hochkonzentrierter Sauerstoff gegeben werden, um die Hypoxämie (Sauerstoffarmut im Blut) rasch auszugleichen – bei kontinuierlicher Überwachung von Atmung, Bewusstsein und Kreislauf, da sich Lungenschäden auch zeitverzögert entwickeln können. Selbst zunächst stabil wirkende Patienten können Stunden später eine Verschlechterung zeigen. Internationale Leitlinien empfehlen deshalb eine ärztliche Untersuchung auch bei zunächst unauffälligem Verlauf, wenn ein relevanter Ertrinkungsprozess stattgefunden hat.
Circulation
Fehlt die normale Atmung oder ist die Person bewusstlos, beginnt sofort die Reanimation – und hier unterscheidet sich das Vorgehen deutlich von einem primär kardialen Kreislaufstillstand, bei dem das Herz zuerst versagt und der Sauerstoffmangel erst danach entsteht. Beim Ertrinken ist es umgekehrt – der Herzstillstand ist fast immer die Folge eines fortschreitenden Atemversagens. Deshalb hat die Beatmung bei der Rettung eines Ertrinkungsopfers einen höheren Stellenwert als bei anderen Reanimationen. Die ERC-Leitlinien empfehlen deshalb ausdrücklich fünf initiale Beatmungen, bevor die Herzdruckmassage beginnt – oft kehrt dadurch bereits ein Spontankreislauf zurück. Zeigen sich danach keine Lebenszeichen, geht es im normalen Verhältnis von 30 Thoraxkompressionen zu 2 Beatmungen weiter.
Der Grund dafür ist eindeutig: Bei einem primären Herzstillstand ist genug Sauerstoff im Blut vorhanden, es geht nur um dessen Verteilung. Beim Ertrinken fehlt der Sauerstoff bereits von Anfang an – eine Herzdruckmassage allein kann das nicht beheben. Erst die Beatmung bringt wieder Sauerstoff in die Alveolen, der dann bei ausreichender Durchblutung ins Blut gelangt. Laut ILCOR ist eine hochwertige Beatmung einer der wichtigsten Einflussfaktoren für das neurologische Ergebnis nach einem Ertrinkungsunfall.
Ein automatisierter externer Defibrillator (AED) sollte auch bei Ertrinkungsunfällen so früh wie möglich angeschlossen werden. Allerdings ist der Zustand des Herzens beim Ertrinken meist anders als bei einem klassischen Herzstillstand durch einen Herzinfarkt: Dort schlägt das Herz oft noch, aber chaotisch und zu schnell – ein Zustand, den ein Elektroschock wirksam beheben kann. Beim Ertrinken dagegen hat der lang anhaltende Sauerstoffmangel meist dazu geführt, dass das Herz entweder ganz stillsteht oder nur noch eine schwache elektrische Aktivität ohne echten Pulsschlag zeigt. In diesen Fällen hilft ein Elektroschock allein wenig. Der AED bleibt trotzdem wichtig und sollte angeschlossen werden – oberste Priorität hat aber weiterhin, die Sauerstoffversorgung so schnell wie möglich wiederherzustellen.
Disability (Neurologischer Status)
Auch während der Reanimation behalten Helfer:innen den neurologischen Zustand im Blick: Wie wach ist die Person, reagieren die Pupillen normal, gibt es Hinweise auf eine andere Ursache wie Schlaganfall, Kopfverletzung oder Unterzuckerung? Gerade nach schwerem Sauerstoffmangel können auch Krampfanfälle auftreten, die die Einschätzung zusätzlich erschweren. Für das Gehirn zählt in dieser Phase vor allem eines: keine zusätzliche Schädigung. Deshalb wird gezielt auf einen normalen Blutzucker, eine normale Körpertemperatur und einen ausgeglichenen Kohlendioxidspiegel geachtet – zu viel oder zu wenig Kohlendioxid im Blut kann die Durchblutung des Gehirns zusätzlich verschlechtern.
Exposure/Environment
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Körpertemperatur. Viele Ertrinkungsunfälle passieren in kaltem Wasser, oft liegt deshalb gleichzeitig eine Unterkühlung vor. Deren Wirkung ist zwiespältig: Eine niedrige Körpertemperatur senkt den Sauerstoffverbrauch des Gehirns und kann dadurch in Einzelfällen schützend wirken – erschwert aber gleichzeitig die Reanimation, begünstigt Herzrhythmusstörungen und beeinflusst die Blutgerinnung. Aktuelle Leitlinien empfehlen deshalb eine kontrollierte Wiedererwärmung unter durchgehender intensivmedizinischer Überwachung.
Safety Insight: "Nobody is dead until warm and dead" – niemand ist tot, bevor er nicht warm und tot ist. Dieser Leitsatz begründet, warum bei schwer unterkühlten Ertrinkungsopfern auch verlängerte Reanimationsmaßnahmen gerechtfertigt sein können: Selbst nach langen Rettungszeiten wurden gute neurologische Ergebnisse dokumentiert.
Nach der Reanimation: Post-Resuscitation Care
Kehrt der Spontankreislauf zurück, beginnt die Post-Resuscitation Care – sie entscheidet maßgeblich über die neurologische Langzeitprognose. Ziel ist,
- die Sauerstoffversorgung zu stabilisieren
- erneute Hypoxie zu vermeiden
- die Durchblutung des Gehirns zu optimieren
während gleichzeitig Lungenkomplikationen wie unabsichtliches Einatmen von Wasser, Lungenödem oder Lungenversagen früh erkannt und behandelt werden. Je nach Schweregrad kommen invasive Beatmung, lungenschonende Beatmungsstrategien, Kreislaufstabilisierung und kontinuierliche neurologische Überwachung zum Einsatz. Die konsequente Vermeidung weiterer Hirnschäden nach der Reanimation beeinflusst das langfristige Ergebnis besonders stark.

Diese Faktoren sind entscheidend nach einem Ertrinkungsunfall
Die Prognose hängt von vielen Faktoren ab. Der stärkste Prädiktor ist die Dauer des Sauerstoffmangels beziehungsweise des vollständigen Untertauchens. Ebenfalls relevant:
- die Zeit bis zur ersten Beatmung
- die Qualität der Reanimation vor Ort
- das Alter der betroffenen Person
- die Wassertemperatur
- ob bereits vor Ankunft in der Klinik ein Spontankreislauf bestand
Trotzdem zeigen internationale Registerdaten: Selbst nach langer Reanimation können Betroffene vollständig neurologisch genesen, wenn die Sauerstoffversorgung rechtzeitig wiederhergestellt wird. Genau deshalb betonen alle internationalen Leitlinien ein konsequentes, strukturiertes Vorgehen über die gesamte Drowning Chain of Survival hinweg.
Fazit: Medizinische Versorgung ist mehr als der Abschluss der Rettungskette
Die medizinische Versorgung verbindet
- präklinische Notfallmedizin
- Reanimationswissenschaft
- Intensivmedizin
zu einem durchgehenden Versorgungspfad mit einem Ziel: die Hypoxie so schnell wie möglich zu beenden und weitere Organschäden zu verhindern.
Während die ersten vier Glieder der Drowning Chain of Survival den Ertrinkungsprozess möglichst früh unterbrechen sollen, entscheidet dieses letzte Glied darüber, ob die Person nicht nur überlebt, sondern auch ihre neurologischen Funktionen behält. Erst im Zusammenspiel aller fünf Glieder wird die Drowning Chain of Survival zu einem der wirksamsten Konzepte der modernen Wasserrettung.

