Schwimmen
Expert:innenbericht

Freiwasserschwimmen – Zu Gast im offenen Meer

Zwölf Grad kaltes Wasser, Strömungen, die an deinen Kräften zehren, egal wie hart du dagegen ankämpfst, und irgendwo da draußen vielleicht ein Hai: André Wiersig ist der erste Mensch im deutschsprachigen Raum, der die Ocean's Seven geschwommen ist – sieben der gefährlichsten Meerengen der Welt. In seinem Erfahrungsbericht erzählt er, warum er sich im offenen Meer immer als Gast versteht, wie er Kälte, Strömung und Angst begegnet und weshalb Umkehren für ihn keine Niederlage, sondern manchmal die stärkste Entscheidung überhaupt ist.
André Wiersig
Erfahrungsbericht von
André Wiersig · Extrem-Freiwasserschwimmer & Ocean's-Seven-Finisher

Im offenen Meer bin ich Gast. Ich bin die Ocean’s Seven geschwommen, sieben Meerengen rund um die Welt, als sechzehnter Mensch weltweit und als erster im deutschsprachigen Raum. Nach vielen Stunden im offenen Ozean unter teilweise extremen Bedingungen weiß ich vor allem eines: Der Ozean richtet sich nicht nach mir. Ich richte mich nach ihm.

André Wiersig krault mit orangefarbener Badekappe und Schwimmbrille durch kabbeliges, grünliches Wasser, am Horizont sind Windräder zu sehen

Fakten über André Wiersig:

 

  • Geboren 1972 in Bochum
  • Erster Mensch, der vom deutschen Festland nach Helgoland geschwommen ist (48,5 km, 2021)
  • Botschafter der UN-Ozeandekade und Gründer der Meeresinitiative theBlueHeart
  • Bekannt aus der ZDF-Dokuserie Man of the Ocean

Niemals allein.
Wer weit hinausschwimmt, braucht Begleitung. Bei meinen Querungen fährt immer ein Begleitboot mit, das navigiert und das Wetter im Blick behält. Dicht neben mir paddelt zusätzlich ein Kajak, denn das große Boot darf mir nicht zu nahe kommen. An der Küste reicht oft schon ein Mensch an Land, der weiß, wo du schwimmst, welche Strecke du geplant hast und wann du zurück sein willst.

André Wiersig schwimmt dicht neben dem Begleitboot, drei Crewmitglieder beobachten die Querung, im Hintergrund eine Insel unter blauem Himmel

Sichtbar bleiben.
Zwischen den Wellen ist ein Kopf kaum zu erkennen, weder für Boote noch für Surfer oder Retter. Eine knallige Badekappe und eine auffällige Boje machen dich sichtbar und können dir im Notfall zusätzlichen Auftrieb geben.

Das Wasser lesen.
Strömung und Gezeiten gehören zu den stärksten Kräften da draußen. Sie können dich stundenlang auf der Stelle halten oder weit von deiner geplanten Route abbringen, egal wie hart du kraulst. Ich plane keine Querung ohne Menschen, die Strömungen berechnen und das Wetterfenster kennen. Informiere dich vor jedem Schwimmen über Gezeiten, Strömung, Wind und Wassertemperatur. Gerätst du in eine starke Strömung, versuche nicht, sie mit Gewalt zu besiegen. Bleib ruhig, orientiere dich und ändere deine Route oder brich das Schwimmen ab. Bei einer Rückströmung vom Strand weg gilt: nicht dauerhaft gegen die Strömung ankämpfen, sondern seitlich aus ihr herausschwimmen.

Unterwasseraufnahme von André Wiersig mitten im Schwimmzug unter einer schäumenden Welle, seine blaue Schwimmbrille ist durch das aufgewirbelte Wasser und die Luftblasen zu sehen

Kälte ernst nehmen.
Ich schwimme immer nur in Badehose. Im Nordkanal zwischen Irland und Schottland hatte das Wasser zwölf Grad. Mein Körper hat sich über Jahre daran gewöhnt, und trotzdem ist Kälte eine Gefahr, die sich leise anschleicht. Überschätze niemals deine Erfahrung und warte nicht darauf, dass dein Körper deutliche Warnsignale sendet. Wer stark zittert, nicht mehr klar denkt oder die Finger nicht mehr richtig bewegen kann, muss raus aus dem Wasser. Taste dich langsam an kaltes Wasser heran und steigere die Dauer Schritt für Schritt.

Respekt statt Angst.
Da draußen begegnen dir Quallen, Dunkelheit und manchmal auch ein Hai. Angst kann schnell Panik auslösen, und Panik ist im Wasser ein gefährlicher Gegner. Respekt dagegen macht aufmerksam. Wer ruhig bleibt, atmet ruhig, schwimmt ruhig und trifft bessere Entscheidungen. Die Tiere sind dort zu Hause. Wir sind die Besucher.

André Wiersig schwimmt bei einbrechender Dunkelheit im offenen Meer, im Vordergrund die Reling des Begleitboots mit Leuchtstäben für bessere Sichtbarkeit, violett-orangefarbener Abendhimmel

Umkehren ist Stärke.
Die wichtigste Entscheidung fällt oft nicht beim Start, sondern unterwegs. Wenn Wind und Wellen zunehmen oder dein Körper Grenzen meldet, ist Aufhören kein Scheitern. Leg vorher fest, wann du umkehrst, und halte dich daran, auch wenn das Ziel schon zum Greifen nah ist. Das Meer ist morgen auch noch da.

Wer so vorbereitet hinausschwimmt, erlebt etwas Großartiges: die Schönheit des Ozeans aus der direktesten aller Perspektiven. Und genau dafür lohnt es sich, sicher zurückzukommen.

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Über André Wiersig

André Wiersig

André Wiersig

Extrem-Freiwasserschwimmer & Ocean's-Seven-Finisher

André Wiersig ist Extrem-Freiwasserschwimmer und international anerkannter Meeresbotschafter. Als erster Mensch aus dem deutschsprachigen Raum und als 16. weltweit hat er die Ocean's Seven bezwungen, die sieben anspruchsvollsten Meerengen der Welt, und das jeweils im ersten Versuch. Außerdem ist er als erster Mensch die rund 50 Kilometer lange Strecke vom deutschen Festland zur Hochseeinsel Helgoland durch die Nordsee geschwommen.

Mit Projekten wie „Swim for the Ocean – Seychelles“ versteht André Wiersig seine Expeditionen nicht als sportliche Selbstdarstellung, sondern als Einladung, die Perspektive zu wechseln und mehr Verantwortung für das Meer zu übernehmen. Dafür steht auch die gemeinnützige Initiative theBlueHeart, die sich für konkreten Meeresschutz, Bildung und eine tiefere emotionale Verbindung zum Meer einsetzt. Einem breiten internationalen Publikum wurde seine Arbeit durch die ZDF-Dokumentarserie „Man of the Ocean“ bekannt. Heute ist André Wiersig als ehrenamtlicher Botschafter der UN-Ozeandekade international gefragt, unter anderem bei globalen Foren wie der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai. Er ist seit 25 Jahren verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Familie in Paderborn.

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